mareike quotes great articles on QUOTE.fm
Join QUOTE.fmIch nehme Methylphenidat nicht gegen ADHS, denn ADHS war 27 Jahre mein Normalzustand. Ich nehme es wegen ADHS, als Zugeständnis an eine Gesellschaft, in der 95 Prozent der Erwachsenen eben keine ADHS haben.
Recommended via Web
mareike Christopher Lauer über ADHS und Ritalin. Ich würde ihm nicht in jedem Punkt uneingeschränkt zustimmen, man sollte sich aber durchaus mal mit seiner Perspektive auseinandersetzen.
Sassan Gholiagha wo stimmst du denn nicht mit ihm überein? Würde mich sehr interessieren.
mareike Meiner Ansicht nach räumt er der Pharmalobby und irgendwelchen nebulösen Verschwörungen die Rolle ein, die vor allem auch Psychologen betrifft: Die zu schnelle/voreilige/falsche Diagnose ADHS. Was mich aber noch mehr stört ist der Schritt, den er von dort aus macht. "Behandlung" setzt er gleich mit Gabe des Medikaments. Nicht-medikamentöse Therapien versteht er nur als BEGLEITmaßnahme und nicht als ersten Versuch, um ggf. unnötige Medikation (nicht nur von Kindern) zu verhindern. Und hier sind wir wieder an dem eigentlichen Problem des inflationären Gebrauchs dieses Medikaments angelangt. Ja, es geht darum, wie man die Welt erleben möchte und kann, aber Chemie ist doch nicht die einzige Möglichkeit eines adaptiven Verhaltens. Sie ist eine. Von mehreren. Die eine Art der Anpassung ermöglicht, ein gleiches Erleben, so wie die anderen, während man sich fragen kann, ob mit denen aus dieser anderen Wahrnehmung resultierenden Problemen nicht anders umgegangen werden kann. Und dass er hier als Therapien nur 2 Formen (VT und Gesprächst.) nennt - geschenkt. Mir stößt hier eben auf, dass Maßnahmen wie z.B. Achtsamkeitsschulung oder Training der Impulskontrolle, Fokussierung usw. nicht genannt werden, dabei können die sehr hilfreich sein, eben den sozial unerwünschten Anteil (und damit das "Problem") in den Griff zu bekommen. Ich will gar nicht sagen, dass das bei jedem Patienten mit jedem Profil funktionieren kann. Aber man sollte es versuchen. Und zur Trennschärfe der Diagnose: Da spricht er ein wahres Problem an, das jedoch nicht die Diagnose betrifft (die kann dafür nichts und ist anhand empirisch gestützter Kriterien durchaus darauf ausgerichtet, Fälle klinischer Relevanz zu indizieren), sondern allzu bereiten Diagnostikern. Gerade unsicher gebundene Kinder haben oft Probleme mit Affektregulierung usw., was gar nicht mal so selten ist und schwer von ADHS zu unterscheiden sein kann. Aber klar, ADHS wird erwartet, viele Eltern kommen zum Psychologen oder Psychiater mit exakt dieser Erwartung (Hoffnung?), weil man das kennt, weil das verbreitet ist, leicht zu vermitteln und - tadaa - zu behandeln. Und wenn es mit Methylphenidat nicht klappt, dann gibt man eben was Anderes, gerne auch Antidepressiva. Und irgendwann ist das Kind dann tatsächlich so sediert, dass es keine Probleme mehr macht. (Und da bin ich wieder bei Lauer, dass man das weder als Eltern noch als Gesellschaft gut finden sollte.)
Sassan Gholiagha Danke! Sehr lehrreich und inspirierend.
Vor allem der Satz "Ja, es geht darum, wie man die Welt erleben möchte und kann, aber Chemie ist doch nicht die einzige Möglichkeit eines adaptiven Verhaltens" finde ich spannend. Wir erleben doch, aus einer konstruktivistischen Perspektive, die Welt sowieso sehr individuell. Durch Kommunikation können wir zwar intersubjektives Verständnis herstellen, aber Fremdverstehen ist ja eigentlich nicht möglich. Von daher stellt sich mir die Frage wessen Welt dann da eigentlich Dank der Medikamente wahrgenommen wird.
hugelshofer Der Autor hat gerade mal ein halbes Jahr Erfahrung mit der medikamentösen Therapie von ADHS !?!
Sein Lob-Lied auf die Chemie/Medikamente ist deshalb nicht erstaunlich. Er kennt eben die Nachteile (noch) nicht, oder sagen wir mal "den Preis" den man(n) bezahlt um von den Vorteilen von 'Ritalin' und Co. profitieren zu können.
hugelshofer "(...) als Zugeständnis an eine Gesellschaft, in der 95 Prozent der Erwachsenen eben keine ADHS haben."
Wer sich mit der Hilfe von Chemie 'an die Anderen anpassen' lässt, verleugnet im Endeffekt die eigene Persönlichkeit.
hugelshofer @mareike:
Ich finde Deine Gedanken zum Artikel sehr wertvoll. Merci.
Aus eigener, intensiver Erfahrung, kenne ich auch die Schattenseiten von 'Ritalin' & Co.
z.B. verliert man die Gabe, die Welt und vor allem die Natur mit ganz anderen Augen zu sehen und auch geniessen zu können.
Am krassesten fand ich aber, dass auch meine positiven Gefühle und schönen Emotionen für eine Sache oder andere Menschen sehr abgeflacht sind, je länger ich Chemie geschluckt habe.
Das Leben wurde langweilig und monoton. Ich habe einen (zu) hohen Preis bezahlt.
Jetzt fokussiere ich mich auf meine ausgeprägten Stärken, statt meine Schwächen mit Chemie K.O. zu schlagen.