»Es gibt also keinen Grund, in den Markt für Ratingagenturen einzugreifen. Schon gar nicht, indem – wie jetzt vielfach gefordert wird – die Politik sich ihre eigene Agentur schafft. Das wäre so, als wenn in Zukunft alle Schüler ihre eigenen Arbeiten benoten würden. Der Notendurchschnitt würde sich drastisch verbessern, gleichzeitig der Lernaufwand zurückgehen.«
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Jan Placht Ratingagenturen sind für die Politik wie Lehrer. Warum sollte man also eine Schule schaffen in welcher man sich selbst benoten darf?
Christof S Andererseits gibt es, um beim Bild zu bleiben, nur Lehrer aus einer Schule, die alle Schüler benoten. Warum sollten sie dann also Schüler anderer Schulen gute Noten geben, wenn diese auch auf die Universitäten gehen wollen, auf die die Schüler der eigenen Schulen gehen und ihnen damit den Platz wegnehmen? Drum gibt man den anderen Schülern einfach schlechtere Noten und schwuppsdiwupps haben die nicht den nötigen NC und die Studienplätze sind frei!
Jan Placht Ich vergleiche es mal mit einer Abiturprüfung: deren Benotung erfolgt durch Lehrer unterschiedlicher Schulen die unabhängig eine Note vergeben. Alles zusammen ergibt dann die Abiturprüfungsbewertung. Vielleicht ist das ein möglicher Weg.
Pëll Dalipi Vielleicht aber sollte ein Lehrer nicht so viel Macht haben?
Jan Placht Wer hat dann die Macht? Der Kontrollierte über sich selbst?
Pëll Dalipi Das war natürlich eine ziemlich plakative Frage von mir. Ich glaube "die Macht" gibt es nicht nur in einer Ecke. Aber ich denke, dass Kontrolleure kontrolliert werden müssen.
Jan Placht Sehe ich dann aber auch kritisch, denn wenn ein Kontrolleur kontrolliert wird muss dieser kontrollierende Kontrolleur von noch jemandem beaufsichtigt werden. Irgendwann gibt es dann den "Oberkontrolleur" der noch mehr Macht in sich vereinen würde.
Pëll Dalipi Na ja, das ist im Grunde eine Art Henne-Ei-Paradoxon. Standard & Poor's hat in der Vergangenheit ja durchaus einige Fehler gemacht, zu dem kann man diesen Agenturen vorhalten, dass sie die Immobilienkrise damals nicht hervorgesehen haben und im Grunde ist genau das ihr job, Vorhersagen nach mathematischer Logik zu erstellen. Die können aber rein rechnerisch nicht eindeutig sein und das ist ein ziemlich deutliches Problem. (Nach der Lehrer-Metapher wäre das kein Fach mit einem ganz genauen Ergebnis wie Physik, sondern eher eines wie Deutsch mit einem gewissen Interpretationsrahmen.) Ich glaube, man muss sich aber gegenseitig kontrollieren und an oberster Stelle sollte die Justiz stehen. Ich kenne mich nun aber in diesen Bereichen nicht gut genug aus, um etwas fundiertes zu sagen, aber wenn ein Unternehmen zu viel Macht hat, schreitet die Börsenaufsicht nicht ohne Grund ein.
Jan Placht Die Börsenaufsicht ist aber (in Deutschland) staatlich da die Wirtschaftsministerien diese Aufgabe übernehmen. Dann kontrolliert sich der größte Schuldner (der Staat) wieder selbst. Ich sehe das Problem in der Unabhängigkeit der Agenturen. Ihr Einfluss wird ja extern getrieben.
Jan Wesselmann Ich stimme dem Grundtenor des Artikels zu; der Staat sollte nicht in den Ratingprozess eingreifen. Allerdings ist er dennoch etwas zu eindimensional, weil er ein anderes grundlegendes Problem des Ratingsystems nicht erwähnt: Ratingagenturen lassen sich in der Regel von Emittenten bezahlen. Es besteht also weniger die Gefahr, dass ein Staat zu negativ bewertet wird; sondern vielmehr die Gefahr, dass die Bewertung (möglicherweise nicht einmal ganz bewusst) zu gut ausfällt.
Letztendlich muss man beachten: Tripple A für Staaten wie Deutschland basieren auf dem Vertrauen, dass Deutschland seine Schulden schon irgendwie zurück zahlt. Verlieren die Kreditgeber das Vertrauen in den Staat, kaufen sie die emittierten Anleihen nicht mehr, müsste ein Staat irgendwo Kapital freisetzen, um auslaufende Anleihen zu bedienen. Und ob ein Staat bereit ist, kurzfristig mehrere Milliarden Euro durch Einsparungen in seiner Meinung nach wichtigen Bereichen vorzunehmen, halte ich für sehr fragwürdig.
(Abgesehen davon, dass das System des Schulden machens auf Dauer gar nicht funktioniert; der Punkt, in dem der Schritt von "grade noch akzeptabel" zu "jetzt ist der Staat überschuldet" gemacht wird, ist gewisser Weise willkürlich)
Jan Placht Verstehe deinen Punkt mit der Bezahlung durch Emittenten nicht. Letztendlich bewertet eine Ratingagentur das das Kreditrisiko. (Die Bundesbank kann das übrigens auch tun).
Wenn ein Emittent Papiere in Umlauf bringen will und nun auch die Bewertung bezahlt, dann haben wir doch genau hier das Problem erkannt. Um beim Vergleich zu bleiben: der Schüler bezahlt den Lehrer für seine Benotung. Möglichkeiten zur Einflussnahme?
Jan Wesselmann Die Frage ist, ob eine Ratingagentur in die Hand beißen will, die sie füttert. Ein neutraler, objektiver Blick kann nur schwer auf jemanden geworfen werden, von dem man letztendlich lebt. Um beim Bild zu bleiben: Wenn der Lehrer vom Staat kein Geld bekommt, sondern von dem Geld leben muss, das ihm die Schüler für seine Benotung geben, kann man mit guten Gründen bezweifeln, dass die Noten besonders aussagekräftig sind.
Jan Placht Und wer füttert dann die Ratingagentur damit Sie unabhängige Bewertungen abgeben kann? Nach unserer bisherigen Diskussion darf es nichts ein: der Staat, der Emittent, der Käufer.
Jan Wesselmann Tatsächlich halte ich es für unproblematischer, wenn der Käufer die Ratingagenturen bezahlt. Denn dann kann es zwar sein, dass die Bewertung etwas kritischer ausfällt; aber immerhin wird die Ratingagentur die Risiken wirklich ernst nehmen. Bei ganz unübersichtlichen Risikofaktoren wird dann vermutlich im Zweifel eher die schlechtere Bewertung gewählt, was zusätzlich den Druck in Richtung Transparenz erhöht.
langustengratis "Noch wichtiger dürften Anstrengungen sein, die absurde Macht der Ratingagenturen zu beschneiden, welche in der Finanzmarktkrise versäumt hatten, Alarm zu schlagen, und nun dafür reichlich Öl ins Feuer gießen." q: www.freiewelt.net/nachricht-7647/%22esm-beschneidet-die-budgethoheit-des-parlaments%22---interview-mit-j%F6rn-axel-k%E4mmerer.html
Jan Placht Nettes Zitat und wohl aktuell auch die Meinung der meisten Menschen in Europa. Das löst aber nicht unser Problem der "unabhängigen Ratingagentur" die in irgendeiner Form entstehen sollte.
Jan Wesselmann: Die Idee mit der vom Käufer bezahlten Wertung kam mir auch. Die Umsetzung könnte da aber äußerst kritisch werden, denn eine Bewertung findet ja nicht bei jeder Transaktion statt. Sollen dann alle Investoren die Geld in ein bestimmtes Papier stecken an der Bezahlung des Ratings beteiligt werden? Wie und vor allem wo wird das verankert? Soll man sich ein "Jahresabo" der Ratingagentur kaufen um die Bewertungen zu sehen?