Unter all den Sprachfiguren der Gutgewordenen zu Israel liegt die völlig selbstverständliche und von den Sprechern überhaupt nicht mehr in Frage gestellte Grundüberzeugung, dass es ein Nahostproblem gibt, dessen Ursache Israel ist, und dass es irgendwie gelöst werden müsse. Das ist – exakt eins zu eins – die Übertragung der Art und Weise, wie in den dreißiger Jahren eine Mehrheit der Deutschen über die Juden dachte, auf Israel.
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Sebastian Ploenges »Im Schlagschatten der Shoa verschwindet aus dem Blick, dass es damals viele Spielarten des Antisemitismus gab. Manche dachten daran, die Zahl jüdischer Studenten zu begrenzen, andere machten den Vorschlag, alle Juden nach Madagaskar zu deportieren, und wahrscheinlich hätten sogar einige von denen, die so dachten, mit Empörung von sich gewiesen, sie seien Antisemiten. Aber all diese selbstverständlichen Überzeugungen, es gebe in Deutschland eine Judenfrage, lieferten zusammen die Energie, die ein paar Jahre später Auschwitz erst möglich machte.«
Vielleicht liest Herr Augstein keine Zeitungen. Vielleicht schreibt er nur in ihnen.
Die israelische Sicht auf diesen Prozeß wird hierzulande kaum noch rational diskutiert. Sie ist höchstens gut für reißerische Soundbites eines ebenso überforderten wir überschätzten Kommentators wie Jakob Augstein, und für unsägliche Grass-Gedichte. Über derlei uninformierte und verzerrende bis verhetzende Äußerungen (“Gängelband”) kann man dann trefflich und lustvoll debattieren. So passiert es ja auch. Aber das ist kein Ersatz für eine strategische Debatte.
Die Intellektuellen dieser Republik, die sonst jedem Zeitgeist auf der Spur sind, klammern sich an einen Begriff von Antisemitismus, der so alt und verstaubt ist wie eine mechanische Schreibmaschine aus den 30er-Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Antisemitismus - das ist die SA und die SS, die Endlösung und der Holocaust, Auschwitz und Nürnberg. Sie weigern sich einzusehen, dass auch der Antisemitismus mit der Zeit geht, dass er ein dynamisches und kein statisches Phänomen ist, dass er sich laufend ändert und vor allem: den Antisemitismusforschern immer um mindestens eine Nasenlänge vor[…]
In einer Debatte, die zwischen Überhöhung und Ignoranz pendelt, müssen auch Selbstverständlichkeiten betont werden. Darum zunächst: Jakob Augstein ist nicht Julius Streicher. Selbst wenn er es wäre, so gelten doch heute andere Wirkungsmächtigkeiten als zu Zeiten des „Stürmers“. Amerika, Russland, England und Frankreich haben zum Glück genug Atombomben, um ein nächstes deutsches Auschwitz zu verhindern. Und vielleicht ist sogar die israelische Armee stark genug, ohne freilich die Macht der Juden überschätzen zu wollen, um es mit der Amish-Moral der Bundeswehr aufzunehmen.
Dass National-Schminksets zum sommerlichen Standard-Repertoire der Discounter gehören, wäre demnach kein Indiz eines überbordenden Nationalismus, sondern eines überbordenden Infantilismus. Die Energien, die die Nationalmannschaft entfacht, sind nicht auf die Nation gerichtet, sondern auf Events, die die Unfähigkeit zu Feier und Öffentlichkeit zu unterbrechen versprechen, ohne die narzisstische Selbstbezüglichkeit aller Einzelnen zu stören.
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Sebastian Ploenges »Auch in Zukunft werden die Fanmeilen anderen penetranten öffentlichen Langweiler-Aufläufen gleichen wie beispielsweise dem Oktoberfest. Und deshalb sollte das turnusmäßige Sommermärchen, das 2014 mit der WM in Brasilien wieder ansteht, keinesfalls Anlass zu politischer Gegenagitation geben. Denn sie verfehlt ihren Gegenstand völlig, ja, sie macht sich mit aller Gewalt dumm, nur um billigen Distinktionsgewinn zu ziehen. Das Einzige, was man guten Gewissens empfehlen kann, ist eine Übung in Des-Engagement: Und dazu genügt es schon, einen Bogen um öffentliche Leinwände zu machen und kein Fähnchen ans Auto zu stecken.«
Dass er nun trotzdem nahezu unisono freigesprochen wird, liegt maßgeblich daran, dass diejenigen, die sich zu Augsteins Anwälten aufschwingen, keinen Begriff vom (modernen) Antisemitismus haben und sich in Bezug auf Israel in der Regel kaum bis gar nicht von Augstein unterscheiden.
Overall, the vast majority of the nearly 500,000 settlers in Jerusalem and the West Bank live in areas close to Israel’s 1967 borders. Data compiled by the S. Daniel Abraham Center for Middle East Peace show that more than 80 percent of them could be included in Israel if the country annexed just more than 4 percent of the West Bank — less than the 5 percent proposed by President Bill Clinton 12 years ago.
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Sebastian Ploenges Karl Popper (1992)
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